AK Sinti/Roma und Kirchen

in Baden-Württemberg

Arbeitskreis in Singen

Gedenkstätte Tannenberg

Zielsetzung der Sinti-Gedenkstätte am Tannenberg in Singen (2016/17)


Wir wollen eine dreifacher Zielsetzung verfolgen:
1.  Die Schicksale der namentlich aufgeführten Deportierten sollen unvergessen bleiben.
2.  Diese Menschen sollen posthum wieder in den Stand unbescholtener Bürger unserer Stadt erhoben werden.
3.  Die Stadt Singen und die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen verdeutlichen mit dieser Gedenkstätte, dass hier gruppenspezifische Menschenfeindlichkeit, Intoleranz und Antiziganismus verabscheut und verurteilt werden.

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Arbeitskreis in Singen

Meilenstein der Demokratisierung (2017)

Bürgerwiderständigkeit als Indiz der Demokratisierung ist noch lange nicht selbstverständlich.
In Städten wie München oder Villingen wird die Verlegung von Stolpersteinen und die Konfrontation mit der wahren Dimension der Nazi-Verbrechen nicht geduldet. Ein japanischer Gast, der die Atomkatastrophe von Fukushima miterlebte, wurde vor kurzem von OB Häusler empfangen und hat das Tannenberg-Gelände besucht. Solche Orte der Ausgrenzung und Demütigung von Menschen kennt er auch aus Japan.

Was ihn aber völlig überraschte, war das 90 Minuten dauernde Gespräch mit dem OB über die Probleme der Sinti-Familie: so etwas sei in Japan unvorstellbar. Es kam ihm wie ein Wunder vor, dass ausgegrenzte und verachtete Menschen auf einmal geachtet, empfangen und als ebenbürtige Bürger angehört werden. Ein weiteres Wunder ist, dass die noch im letzten Jahr angedrohte Enteignung des Tannenberg-Grundstücks inzwischen vom Tisch ist und die Stadt selbst die Müllräumung zugesagt hat. Dieser Müll war ja über Jahre der Famile Lehmann-Winter zu Unrecht angelastet worden. Herr Lehmann-Winter junior, der das Grundstück bewohnt und in Ordnung gehalten hatte, ist dort mehrmals überfallen worden und zog weg, als seine Anzeigen bei der Polizei wirkungslos blieben. Wir wollen also nicht nur eine Gedenkstätte als sichtbares Zeichen der neuen Wahrnehmung der Sinti als Bürger errichten, sondern vor allem die verzerrte Wahrnehmung dieser Volksgruppe verändern. Nachdem sie auf zynische Weise erfahren mussten, was es heißt, wenn Christen das Bibelwort „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ dazu missbrauchen, die „Sippen balkanischer Herkunft“ zu demütigen, zu vertreiben und auch zu ermorden, sollen sie nicht länger daran zweifeln, dass ihnen in einer Demokratie die „Staatsgewalt“ ohne Gewaltanwendung zum Recht verhelfen kann. Wo diese Zweifel ausgeräumt werden, entsteht ein Meilenstein der Demokratisierung.1

1 Ulrich Beck: Risikogesellschaft, Frankfurt am Main 1986, S. 370f.