AK Sinti/Roma und Kirchen

in Baden-Württemberg

Gräber wider das Vergessen

Stuttgarter Zeitung, 27.01.2015

Von Hilke Lorenz

Die Anwältin Ingrid Hönlinger arbeitet an der Umsetzung des ersten Staatsvertrags zwischen dem Land Baden-Württemberg und dem Sinti- und Roma-Landesverband. Dazu gehört auch der Erhalt von Grabstätten.

Ludwigsburg - Friedhöfe sind nicht nur Orte der Trauer. Sie sind auch Stätten der Erinnerung und – auch wenn sich das seltsam anhören mag – Orte der Begegnung. Wo also keine Gräber mehr sind, geht etwas verloren – ein Stück Erinnerung und vielleicht auch die Möglichkeit, sich mit anderen über diese Erinnerungen auszutauschen.

Vor diesem Hintergrund bekommen die Gespräche, welche die Ludwigsburger Rechtsanwältin Ingrid Hönlinger gerade absolviert, eine besondere Bedeutung. Die ehemalige Grünen- Bundestagsabgeordnete begleitet den Prozess der Umsetzung des Staatsvertrages zwischen dem Land Baden-Württemberg und dem Landesverband der Sinti und Roma als offizielle juristische Beraterin des Verbandes. Das heißt, sie macht Lobbyarbeit. Im Moment besucht Hönlinger in den Gemeinden und Städten, auf deren Friedhöfen es Sinti- oder Romagräber gibt, die Oberbürgermeister und Bürgermeister, um für den Erhalt der Gräber zu werben.

Noch gibt es keine Liste der Grabstätten

Denn die Ruhestätten sind seit November 2013 durch den Staatsvertrag geschützt. Das Vertragswerk, mit dem Baden-Württemberg bundesweit Neuland betreten hat, spricht den Sinti und Roma den Schutz als nationale Minderheit zu – und deshalb auch den Schutz ihrer Gräber. Eine Liste der Grabstätten gibt es nicht, was die Arbeit nicht leichter macht.

Im Dritten Reich wurden Sinti und Roma ausgegrenzt, verfolgt und ermordet. Für die Gräber vieler Opfer der NS-Zeit läuft die Liegezeit aus. Und die Nachfahren, auch wenn sie gut integriert und etabliert sind, zögern häufig bis heute, sich zu ihrer Identität zu bekennen – aus Angst vor Diskriminierung.

Klischees halten sich hartnäckig

Hönlinger erzählt die Geschichte eines Sinto, der als gut situierter Geschäftsmann einen Stellplatz auf einem Campingplatz gebucht hatte, um dort Urlaub zu machen. Als er ankam, wollte ihm der Betreiber den Zugang verweigern. Das Landfahrerklischee hält sich offenbar noch hartnäckig in den Köpfen.

Auch dem will der Staatsvertrag entgegenwirken – und Wege in die Zukunft weisen. Denn führt man sich vor Augen, dass die Überlieferung der Traditionen bei Sinti und Roma eher mündlich erfolgte, wird deutlich, wie verheerend die Ermordung von etwa 500 000 Menschen, also 90 Prozent der Angehörigen dieser Bevölkerungsgruppe, durch die Nationalsozialisten bis heute weiterwirkt.

Die Gemeinden sind offen für das Anliegen

Bisher gibt es für die Gräber weder rechtlichen Schutz noch finanzielle Förderung. Nach Ablauf der gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten werden sie in der Regel durch die jeweiligen Friedhofsträger aufgelöst. Es gilt daher auch, in den Gemeinden für eine Ergänzung der kommunalen Friedhofssatzung zu werben.

Künftig sollen die Grabstätten von Sinti und Roma, die der NS-Verfolgung ausgesetzt waren, auf Antrag des Gemeinde- oder Ortschaftsrates als besonders geschützte Grabstätten ausgewiesen werden können.

Hönlingers bisherige Bilanz ihrer Mission: „Wir stoßen auf große Bereitschaft und offene Ohren.“ Gespräche in Stuttgart und Tübingen stehen noch an. In Ulm, Heidelberg, Mannheim, Karlsruhe, Freiburg, aber auch in Aspach im Rems-Murr-Kreis und in Magstadt im Kreis Böblingen ist der Verband vorstellig geworden. „Wir werden wie im Staatsvertrag vorgesehen vorgehen“, sagt Hans-Ulrich Merz, der Magstädter Bürgermeister. Unklar sei nur noch, ob das im Rahmen des Denkmalschutzes oder durch die Änderung der Friedhofssatzung geschehe.

Wie schon ein Gespräch über die Gräber die Möglichkeit eröffnet, auch über andere Felder des Zusammenlebens zwischen Sinti und Roma und der so genannten Mehrheitsgesellschaft zu sprechen, erlebt Hönlinger bei fast jedem Treffen in den Rathäusern. Auch das ist ein Nebeneffekt des Staatsvertrags.

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